1. Unter den geistlichen Gemeinschaften, die
vom Heiligen Geist in der Kirche erweckt worden sind, vereint die
franziskanische Familie alle jene Glieder des Volkes Gottes, Laien, Ordensleute
und Priester, die sich zur Nachfolge Christi in den Fußspuren des hl. Franziskus
von Assisi berufen wissen.
Auf verschiedene Art und Weise, aber im lebendigen
Miteinander, wollen sie das gemeinsame Charisma des Seraphischen Vaters im Leben
und in der Sendung der Kirche vergegenwärtigen.
2. Innerhalb dieser Familie hat die Franziskanische Gemeinschaft ihre eigene Stellung. Sie stellt sich dar als eine organische Einheit aller katholischen Gemeinden und Gruppen in der weiten Welt, in denen sich Brüder und Schwestern mit ihrem Versprechen verpflichten, das Evangelium zu leben in der Weise des hl. Franziskus und mit Hilfe dieser von der Kirche bestätigten Regel. So bemühen sie sich, unter dem Anruf des Heiligen Geistes in Erfüllung ihrer weltlichen Pflichten nach der vollkommenen Liebe zu streben.
3. Nach "Memoriale Propositi" (1221) und nach
den verschiedenen von den Päpsten Nikolaus IV. und Leo XIII. bestätigten Regeln
passt die vorliegende Regel die Franziskanische Gemeinschaft - unter
Berücksichtigung der veränderten Zeitverhältnisse - den Erfordernissen und
Erwartungen der heiligen Kirche an. Auslegung dieser Regel ist Sache des
Heiligen Stuhles; ihre Anwendung geschieht durch die Generalkonstitutionen und
durch regionale Richtlinien.
2. Kapitel:
DIE
LEBENSWEISE
4. Regel und Leben der
Brüder und Schwestern in der Franziskanischen Gemeinschaft ist dieses: Das
Evangelium unseres Herrn Jesus Christus zu beobachten nach dem Beispiel des hl.
Franziskus von Assisi, der Christus zur geistlichen Mitte seines Lebens vor Gott
und den Menschen machte.
Christus, das Geschenk der Liebe des Vaters, ist der
Weg zu ihm. Er ist die Wahrheit, in die uns der Heilige Geist einführt. Er ist
das Leben, und er ist gekommen, uns in seiner Fülle daran teilnehmen zu
lassen.
Die Brüder und Schwestern der Franziskanischen Gemeinschaft lesen
immer wieder im Evangelium. Sie suchen auf den Anspruch der Frohen Botschaft in
ihrem Leben Antwort zu geben und es an ihm auszurichten.
5. Die Brüder und Schwestern der Franziskanischen Gemeinschaft suchen Christus zu begegnen, wie er in den Mitmenschen, in der Heiligen Schrift, in der Kirche und in den Feiern der Liturgie lebt und wirkt. Der Glaube des hl. Franziskus, der ihn die Worte schreiben ließ: "In dieser Welt sehe ich von ihm, dem höchsten Sohne Gottes, leiblicherweise nichts . . . als seinen heiligsten Leib und sein heiligstes Blut", ist für ihr Leben aus der hl. Eucharistie Inspiration und Wegweisung.
6. Mit Christus in der Taufe begraben und auferweckt, sind sie lebendige Glieder der Kirche. Durch das Versprechen werden sie mit ihm noch inniger verbunden und so zu Kündern und Werkzeugen seiner Sendung unter den Menschen, indem sie durch ihr Leben und ihr Wort Christus verkünden. Vom hl. Franziskus inspiriert und mit ihm dazu berufen, die Kirche zu erneuern, verharren sie mutig in der vollen Gemeinschaft mit dem Papst, den Bischöfen und Priestern. Sie pflegen mit ihnen einen offenen und vom Glauben getragenen Dialog, der das apostolische Wirken der Kirche befruchtet.
7. Die "Brüder und Schwestern von der Buße"
machen aufgrund ihrer Berufung und angetrieben durch die lebendige Kraft des
Evangeliums ihr Denken und Handeln dem Beispiel Christi gleichförmig. Das
erreichen sie durch bedingungslose und vollkommene innere Umkehr, im Evangelium
"metanoia" genannt. Diese muß aufgrund der menschlichen Gebrechlichkeit täglich
neu vollzogen werden.
Auf diesem Weg der Erneuerung ist das Sakrament der
Wiederversöhnung das hervorragende Zeichen der Barmherzigkeit des Vaters und
eine Quelle der Gnade.
8. Wie Jesus der wahre Anbeter des Vaters war,
so machen auch sie Gebet und Kontemplation zum Kraftquell ihres Seins und
Handelns.
Sie nehmen teil am sakramentalen Leben der Kirche, vor allem an der
hl. Eucharistie. Sie verbinden sich mit dem liturgischen Beten in einer von der
Kirche vorgelegten Weise. So verlebendigen sie die Geheimnisse des Lebens
Christi.
9. Die Jungfrau Maria, die demütige Magd des Herrn, aufgeschlossen für sein Wort und jede seiner Anregungen, wurde von Franziskus mit unsagbarer Liebe verehrt und von ihm zur Schutzpatronin und Fürsprecherin seiner Familie erwählt. Die Brüder und Schwestern der Franziskanischen Gemeinschaft erweisen ihr ihre innige Liebe dadurch, dass sie ihre bedingungslose Verfügbarkeit nachahmen und zu ihr bewusst und voll Vertrauen beten.
10. Indem sie sich mit dem erlösenden Gehorsam Jesu vereinen, der seinen Willen ganz in die Hände des Vaters legte, erfüllen sie treu ihre je eigenen Pflichten in den verschiedenen Lebensumständen. Sie folgen dem armen und gekreuzigten Christus und bekennen sich auch in Schwierigkeiten und Verfolgungen zu ihm.
11. Christus hat im Vertrauen auf den Vater für sich und seine Mutter ein armes und demütiges Leben erwählt, obwohl er achtsam und liebevoll die geschaffenen Dinge schätzte. So suchen auch die Brüder und Schwestern der Franziskanischen Gemeinschaft in Auswahl und Gebrauch die richtige Beziehung zu den irdischen Gütern, wenn sie ihren materiellen Bedürfnissen nachkommen. Sie sind sich daher bewusst, dass sie nach dem Evangelium Verwalter der Güter sind, die sie für alle Kinder Gottes empfangen haben. So mühen sie sich, im Geiste der "Seligpreisungen" ihr Herz von aller Neigung und Begierde nach Besitz und Macht zu befreien, wie "Pilger und Fremdlinge" auf dem Weg zum Vaterhaus.
12. Als Zeugen der künftigen Güter und aufgrund der von ihnen angenommenen Berufung sind sie zur Erlangung der Lauterkeit des Herzens verpflichtet. Dadurch werden sie frei für die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen.
13. Wie der Vater in jedem Menschen die Züge
seines Sohnes erblickt, des Erstgeborenen von vielen Brüdern, so nehmen die
Brüder und Schwestern der Franziskanischen Gemeinschaft jeden Menschen in der
Gesinnung der Demut und Menschlichkeit an wie ein Geschenk des Herrn und ein
Abbild Christi.
Die Gesinnung der Brüderlichkeit macht sie fröhlich und
bereit, sich allen Menschen gleichförmig zu machen, vor allem den geringsten.
Sie bemühen sich, ihnen Lebensbedingungen zu schaffen, die der Würde der von
Christus erlösten Menschen entsprechen.
14. Mit allen Menschen guten Willens sind sie berufen, zur Verwirklichung des Reiches Gottes eine Welt aufzubauen, die menschlicher ist und dem Geiste des Evangeliums mehr entspricht. Dabei sind sie sich bewusst, dass jeder, "der Christus, dem vollkommenen Menschen, nachfolgt, selbst menschlicher wird." So werden sie befähigt, ihre Verantwortung im Geist christlicher Dienstbereitschaft sachgemäß auszuüben.
15. Durch das Zeugnis ihres menschlichen Lebens wie auch durch großmütige Initiativen - seien diese persönlicher oder gemeinschaftlicher Art - bemühen sie sich, die Gerechtigkeit zu fördern, vor allem im Bereich des öffentlichen Lebens, indem sie sich bei konkreten Entscheidungen treu zu ihrem Glauben verhalten.
16. Sie verstehen die Arbeit als Gnade und als Teilnahme an der Schöpfung, an der Erlösung und am Dienst gegenüber der menschlichen Gemeinschaft.
17. In der Familie pflegen sie den franziskanischen Geist des Friedens, der Treue und der Achtung vor dem Leben. Dadurch versuchen sie ein Zeichen zu setzen für die bereits in Christus erneuerte Welt. Vor allem die Eheleute bezeugen in der Welt die Liebe Christi zu seiner Kirche, indem sie aus der Gnade des Ehesakramentes leben. Mit einer christlichen Erziehung zu Einfachheit und Aufgeschlossenheit, auf die geeignete Berufswahl jedes ihrer Kinder wohl bedacht, gehen sie froh mit ihnen ihren menschlichen und geistlichen Lebensweg.
18. Die Brüder und Schwestern der Franziskanischen Gemeinschaft bringen auch allen anderen Geschöpfen in der belebten wie unbelebten Natur, die "das Bild des Allerhöchsten tragen", Achtung entgegen. Von der Versuchung ihres Missbrauchs bemühen sie sich überzugehen zur franziskanischen Haltung einer universalen Brüderlichkeit.
19. Als Künder des Friedens und im
Bewusstsein,
dass es immer neue Bemühung erfordert, suchen sie Wege der Einheit und
brüderlichen Übereinstimmung im Dialog. Dabei vertrauen sie auf den Keim des
Göttlichen im Menschen wie auf die verwandelnde Kraft der Liebe und
Vergebung.
Sie sind Boten der vollkommenen Freude in jeder Situation und
bemühen sich, anderen Freude und Hoffnung zu bringen. Hineingenommen in die
Auferstehung Christi - das ist der eigentliche Grund für die Bezeichnung "Bruder
Tod" -, erwarten sie frohgemut die endgültige Begegnung mit dem
Vater.
3. Kapitel:
DAS LEBEN IN GEMEINSCHAFT
20. Die Franziskanische Gemeinschaft gliedert
sich auf verschiedenen Ebenen in örtliche, regionale, nationale und
internationale Gemeinschaften, die jeweils moralische Personen in der Kirche
sind. Diese Gemeinschaften auf verschiedenen Ebenen sind einander zugeordnet und
nach den Bestimmungen dieser Regel und der Konstitutionen miteinander verbunden.
21. Auf den verschiedenen Ebenen wird jede
Gemeinschaft von einem Vorstand und einem Vorsteher geistlich und
organisatorisch geführt. Diese werden jeweils von denen, die bereits das
Versprechen abgelegt haben, gemäß den Konstitutionen gewählt.
Ihr zeitlich
begrenzter Dienst ist ein Amt, das Einsatzbereitschaft und
Verantwortungsbewusstsein gegenüber den einzelnen wie gegenüber der Gruppe
voraussetzt.
Die Gemeinschaften sind in sich gemäß den Konstitutionen
unterschiedlich strukturiert, je nach den verschiedenen Notwendigkeiten ihrer
Glieder wie der einzelnen Gegenden. Sie werden von ihrem je eigenen Vorstand
geleitet.
22. Die örtliche Gemeinschaft wird kanonisch errichtet. Sie wird so zur ersten Zelle der gesamten Franziskanischen Gemeinschaft und zum sichtbaren Zeichen der Kirche, die eine Gemeinschaft der Liebe ist. Diese Gemeinschaft muß der bevorzugte Ort sein, um den kirchlichen Geist, die franziskanische Berufung und auch das apostolische Leben der Glieder zu fördern.
23. Die Bitte um Aufnahme in die
Franziskanische Gemeinschaft wird der örtlichen Gemeinschaft vorgetragen, deren
Vorstand über die Aufnahme neuer Mitglieder entscheidet. Der Weg in die
Gemeinschaft umfasst eine Zeit des Kennenlernens, die Zeit der Einführung von
mindestens einem Jahr und das Versprechen, die Regel zu beobachten. Für diese
stufenweise Einführung ist die ganze Gemeinschaft durch ihre Lebensweise
mitverantwortlich. Bezüglich des Alters der Zulassung zum Versprechen wie auch
eines franziskanischen Erkennungszeichens3e sollen die nationalen Richtlinien
beachtet werden. Das Versprechen ist seiner Natur nach eine lebenslange
Verpflichtung.
Mitglieder, die sich in besonderen Schwierigkeiten befinden,
können ihre Probleme im brüderlichen Gespräch mit dem Vorstand beraten. Die
Entscheidung über Austritt oder - wenn notwendig - endgültigen Ausschluss aus der
Gemeinschaft obliegt dem Vorstand der Gemeinschaft nach Maßgabe der
Konstitutionen.
24. Um die Gemeinschaftlichkeit (Communio)
unter den Mitgliedern zu fördern, sorgt der Vorstand für häufige und regelmäßige
Zusammenkünfte auch mit anderen franziskanischen Gruppen, vor allem
Jugendgruppen. Dabei bedient er sich jener Mittel, die dem Wachstum im
franziskanischen und kirchlichen Leben angemessen sind und den einzelnen zum
Leben in der Gemeinschaft anregen.
Diese Gemeinschaft setzt sich auch mit den
verstorbenen Brüdern und Schwestern über den Tod hinaus im Fürbittgebet fort.
25. Zu den notwendigen Ausgaben für das Leben der Gemeinschaft, für den Gottesdienst, das Apostolat oder Werke der Nächstenliebe leisten alle Brüder und Schwestern ihren Möglichkeiten entsprechend einen angemessenen Beitrag. Die örtlichen Gemeinschaften steuern auch zu den Ausgaben der Vorstände auf den übergeordneten Ebenen bei.
26. Zum deutlichen Zeichen der Einheit und
Zusammengehörigkeit erbitten die Vorstände auf den verschiedenen Ebenen
entsprechend den Konstitutionen geeignete und dafür ausgebildete Ordensleute für
die geistliche Assistenz von den Oberen der verschiedenen Zweige der
franziskanischen Familie, mit denen die Franziskanische Gemeinschaft seit jeher
eng verbunden ist.
Um die Treue zur eigenen Berufung und zur Beobachtung der
Regel zu fördern, wie auch um größere Hilfe für das gemeinschaftliche Leben zu
erlangen, ist der Vorsteher in Übereinstimmung mit seinem Vorstand darauf
bedacht, die regelmäßige seelsorgliche Visitation von den zuständigen
Ordensoberen zu erbitten, wie auch die brüderliche Visitation von den gemäß den
Konstitutionen auf höherer Ebene Zuständigen.
"Und ein jeder, der dies beobachtet, werde im Himmel erfüllt mit dem Segen
des höchsten Vaters und werde auf Erden erfüllt mit dem Segen seines geliebten
Sohnes in Gemeinschaft mit dem Heiligsten Geiste, dem Tröster ..."
(Segen des hl. Franziskus aus dem Testament)