Heute franziskanisch leben

Vorbemerkungen:

Franziskanisches Leben leitet sich vom Urheber, den hl. Franziskus von Assisi her. Jedoch keine Kopie möglich: Franziskus ist einzigartig; die Zeiten waren andere als heute.

Gefragt ist schöpferische Verlebendigung seines Charismas = seine wesentlichen Anliegen heute leben.

Die wesentlichen Anliegen:

 

I.                   Die Gottesbeziehung

1.      Die Gottesbeziehung des hl. Franziskus

Schlüssel zum Verständnis des hl. Franziskus ist seine Gottesbeziehung; sonst kann man ihm nicht gerecht werden.

a) Das religiöse Bedürfnis der damaligen Zeit: arm zu leben wie Jesus und die Apostel – im Kontrast dazu die Lebenspraxis der Kirche mit ihrem Streben nach Macht und Reichtum.

b)     Franziskus identifiziert sich erst allmählich infolge von Krisen mit der Sehnsucht nach einem religiösen Leben.

Höhepunkt ist die Entscheidung für Gott, die den Bruch mit der Familie nach sich zieht:

„Nun nenne ich nicht mehr Pietro Bernadone meinen Vater, sondern unseren Vater im Himmel...“ – Franziskus verzichtet auf ein großes Erbe und auf seinen Namen.

c)     Franziskus verbringt viel Zeit, um das Geheimnis Gottes betend zu betrachten: den unendlich erhabenen Gott, der zugleich der unendlich liebende und demütige Diener des Menschen in Jesus geworden ist (Menschwerdung – Kreuzigung – Eucharistie).

d)     Sprechendes Zeugnis seiner Antwort ist seine Armut: damit Gott sein Reichtum werden kann, lebt er radikal arm. „Mein Gott und mein alles“.

Der Weg vom begüterten Kaufmannsohn zum anspruchlosen und armen Habenichts vollzog sich nicht ohne Mut zum Risiko: billiger ist Gottesvertauen für ihn nicht zu gewinnen.

2.      Unsere Gottesbeziehung heute

a)  Unverständnis für den Glauben an Gott in breiten Schichten der Bevölkerung: „Wer human leben und handeln will, braucht nicht den Rückgriff auf Gott. Nächstenliebe genügt, Gottesliebe ist mehr oder weniger Luxus.

b)     Das oft schwächliche Glaubenszeugnis bei uns Christen:

Glaube an Gott als eine Sache unter vielen anderen. Damit wird der Glaube durchaus entbehrlich gemacht.

c) Die Aufgabe: den Glauben als sinnstiftende Größe deutlich zu machen. Gott muss zum tragenden Motiv des Lebens gemacht werden: Leben von Gott her und auf Gott hin. Alles übrige muss dem untergeordnet werden.

d)  Einzige Sorge soll sein: sich von der Liebe Gottes ganz ergreifen lassen. Ohne Bruch mit den gesellschaftlichen Wertvorstellungen geht es dabei auch bei uns nicht, auch nicht ohne Hochherzigkeit, Zurücknahme seiner selbst und Opferbereitschaft.

Weil der Herr sich bis zum äußerst Möglichen für uns hingibt, darum sind wir in unserer Hingabe an ihn ebenso gefordert.

„Nichts sein eigen nennen – nichts für sich selbst zurückbehalten, sich ihm ganz hingeben“.

e)     Erst durch die Hingabe wird der Glaube im eigenen Leben als sinnstiftend erfahren und wird er für andere attraktiv.

f)     Gefragt ist zunächst der einzelne nach der Radikalität seines Glaubens.

Wie sieht meine Bilanz aus? Was gedenke ich zu tun? Wie will ich meine Halbherzigkeit überwinden?

Wie können wir uns gegenseitig bestärken? Was können wir als Franziskanische Gemeinschaft beitragen.

 

II. Die Brüderlichkeit

1.      Das wahrhaft Neue des hl. Franziskus in seiner Bewegung

a)     Die alten Orden

Die feudale Ordnung (Majores – Minores) wurde von den Orden unkritisch einfach übernommen. Es gibt Herren und es gibt Diener.

b)     Franziskus: Brüderlichkeit als Konsequenz aus dem Glauben

„Einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder“.

Das ist das Frohmachende: vor Gott zählt der Mensch in seiner Bedürftigkeit. Wir sind alle mit derselben Liebe Gottes geliebt und doch jeder auf seine Weise.

Darum weg mit allen nicht-evangelischen Ungleichheiten, die nichts anderes als Ausdruck ängstlicher Sorge sind.

Adelige und ganz Niedrige, Reiche und Arme verstehen sich auf eine befreiende Weise als Brüder, die in ihrer Würde gleich sind.

c)     Motiv und Maß für die Brüderlichkeit ist die Liebe des Herrn

„Liebt einander, wie ich euch geliebt habe“.

Weil der Herr uns liebt, können und sollen wir einander lieben. Das neue Gebot des Herrn. Das Maß dieser Liebe ist die Liebe des Herrn zu uns.

Christi Liebe zu uns soll für uns einem drängenden Motiv der Brüderlichkeit werden: „Wenn schon eine Mutter ihren leiblichen Sohn umhegt und liebt, um wieviel mehr muss einer seinen geistlichen Bruder lieben und umhegen...“

„Selig der Knecht, der seinen Bruder, wenn er krank ist, ebenso liebt – was jener ihm nicht entgelten kann-, wie wenn er gesund ist und er es ihm entgelten kann“.
(Erm 24).

„Selig der Knecht , der seinen Bruder, wenn er weit weg von ihm entfernt ist, ebenso liebt und um ihn besorgt ist, als wenn er mit ihm zusammen wäre, und der nicht hinter seinen Rücken sagen würde, Was er nicht in Liebe in seiner Gegenwart sagen könnte“. (Erm 25).

Sorge um die Brüderlichkeit: Brüder dürfen keine Ämter mit Machtstellung annehmen, Ämter nur auf befristete Zeit.

d)     Vertrauen und Liebe zueinander als bestimmendes Element der Gemeinschaft:

„Einer soll dem anderen vertrauensvoll seine Not offenbaren“

Als man Steine gegen die Brüder warf, stellte sich einer schützend vor den anderen...

 

2.Brüderlichkeit heute

a)     Tiefes Misstrauen: der ungeschönte Egoismus in Familie, Beruf, Gesellschaft und weltweit

„Alle sind auf ihren Vorteil aus. Wer nicht auf seinen Vorteil besteht, wird ausgenützt und ist dumm. Darum muss man auf der Hut sein“.

„Jeder ist sich selbst der Nächste. Du musst für dich selber sorgen. Wer vertraut, wird enttäuscht“.

b)     Wahre Selbstliebe als notwendige Voraussetzung für die Brüderlichkeit

Selbstbejahung als Gabe und Aufgabe

c)     Brüderlichkeit als aktives und nicht als reaktives Verhalten

Motiv ist die Liebe Gottes zu uns. Heraus aus dem „Wie du mir, so ich dir“ und hin zum „Wie Gott zu mir, so ich zu dir“. Ich auf diese Brüderlichkeit verpflichtet, auch wenn sie im anderen kein Echo finden sollte.

d)   Brüderlichkeit beginnt an Ort und Stelle

Wenn ich um den anderen besorgt bin, setze ich vertrauensbildende Maßnahmen und baue beim anderen Ängste ab.

Ich kann aber auch ausgenützt werden.

e)     Für die Praxis

Privilegien, die ich gedankenlos festhalte. Wie sieht mich mein Partner? Wie meine Familienangehörigen? Wie meine Arbeitskollegen?

Wie ist meine Rolle in der Franziskanischen Gemeinschaft? Wie schaut Gemeinschaft bei uns aus? Gibt es wirklich Zeichen einer großmütigen Brüderlichkeit?

Was gibt mir Mut, Brüderlichkeit im Sinne des Evangeliums und des hl. Franziskus zu wagen?

 

III.  Als „Mindere“ den Weg des Dienstes gehen

1.      Das Evangelium als Quelle der Inspiration für den hl. Franziskus

 

a)       Die Enttäuschung des Herrn als Bewegung von oben nach unten

Die Betrachtung der Demut des Herrn ist für Franziskus zeitlebens das zentrale Geheimnis der Betrachtung.

b)       Das Lebensbeispiel des Herrn

„Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um sein Leben hinzugeben für die viele“. – Keine Lehre, sondern Praxis Jesu. Jesu Sorge um die Bedürftigen, die Sünder, die Kranken und Kleinen.

c)       Jesu Forderungen nach einer alternativen Gemeinschaft

„...Bei euch aber soll es nicht so sein. Wer bei euch der Größte sein will, soll der Diener aller sein“. Die Worte vom Dienen gehören zu den bestbezeugten im Evangelium.
 – Die Fußwaschung Jesu als Vermächtnis an die Kirche.

d)       Die Brüder vollziehen die Demut des Herrn nach

Ihre Bezeichnung „Mindere Brüder“ als ständige Erinnerung

Kein Wort der Kritik an den Amtsträgern der Kirche – jedoch Reformierung der Kirche durch das Leben nach dem Evangelium.

Allen Geschöpfen untertan sein – auch den Muslimen

Dienst an den Aussätzigen.

Aufgaben, die das Dienen deutlich machen, nicht „Herrschaftsämter“. – Das Lebensbeispiel des hl. Franziskus: er tritt als Leiter des Ordens zurück und lebt als Bruder unter Brüdern.

 

2.      Herausforderung heute als „Mindere“ zu dienen

a)     Der Zustand: das Streben des Menschen geht von unten nach oben – eine Eigenart des von Gott getrennten Menschen durch all die Zeiten. Er sieht nicht mehr, was er in den

b)     Augen Gottes ist, so muss er nach dem streben, wer zu sein und zu tun, was in den Augen der Mensch zählt.

Es sich gut gehen lassen – vielfache Maxime von heute.

c)     Die Verkehrtheit der Amtskirche: das Herrschen scheint viel wichtiger zu sein als das Dienen.

Haben wir soviel Festigkeit im Glauben, dass wir die Alternative – das Dienen – leben ohne uns wie Franziskus in Kritik zu verpuffen.

d)     Ängstliche Sorge um die eigene Ehre

Dinge, die ich abstellen sollte...

Wie werde ich mit Undankbarkeit fertig, wie mit Kritik?

e)     Das Dienen beginnt mit dem Befolgen des Gewissens

Zum eigenen Gewissen stehen lernen, ob es gelegen oder ungelegen ist. Sonst gerät man in die Abhängigkeit der Mitmenschen.

f)       Notwendiges, das von den Menschen gering geschätzt wird, aber getan werden muss.

Dienste in der Familie,...im Beruf, in der Nachbarschaft, in der Pfarrgemeinde, in der Franziskanischen Gemeinschaft.

Diese Dienste im verborgenen tun.

g)     Mein Dienst an den Armen

Wer sind für mich die Armen heute? Wieviel Zeit und Mühe investiere ich für sie?

Wie denke ich über den „Abschaum“ der Gesellschaft?

 

Ausklang

Gott als zentrales Motiv unseres Lebens, das uns in Bewegung hält, von Gott und auf ihn hin zu leben – Brüderlichkeit, welche Liebe des Herrn zu uns unter allen Umständen bezeugt und sie absichtslos von vornherein allen gibt – ein Dienen, das sich vom Herrn inspirieren lässt und sich nicht selber sucht und darum immer quer zum Streben des Menschen steht, - sind gewaltige Zeichen für die Kraft des Evangeliums. Wer wie Franziskus dies ehrlich zu leben versucht, wird auch heute Menschen bewegen können.

Es liegt an uns! „Brüder lasst uns anfangen, denn bis jetzt haben wir noch viel zuwenig getan!“

 

                                                            Br. Albert MICHELITSCH OFMCap

 

 

Herr, mein Herz ist nicht stolz,

nicht hochmütig blicken meine Augen.

Ich gehe nicht um mit Dingen,

die mir zu wunderbar und zu hoch sind.

Ich ließ meine Seele ruhig werden und still;

wie ein kleines Kind bei der Mutter

ist meine Seele still in dir.

Ps 131,1

 

FRANZISKUSGEBETE

 

,,Alles, was atmet, lobe den Herrn"

(Ps 150)

,,Lobet den Herrn, denn er ist gut" (Psalm J46,J) gibt eine der wesentlichen Gotteserfahrungen des hL Franziskus wieder. Weil Gott gut ist, ,,das höchste Gut, das ganze Gut" wird der Heilige nicht müde, dessen Güte zu preisen, die sich in den Gütern der Erde kundtut. Eben deswegen will er nichts von den Gütern der Erde besitzen und kann sich um so mehr an ihnen erfreuen. Den Schöpfer loben ist für Franziskus die erste Gabe und Aufgabe des Menschen; er ist begabt zu sprechen und zu singen und so Antwort zu geben dein, der ihn geschaffen, erlöst und zum ewigen Leben berufen hat

Im Loben Gottes um seiner selbst willen ist der Mensch ganz Mensch, uneigennützig, selbstlos da vor seinem Schöpfer

Die Bibel ist voller Lobpreisungen, die der Heilige von Assisi gern aufgreift; vor allem mit den Psalmen singt er dem Schöpfer sein Lied und lädt alle Welt ein, miteinzustimmen.

Er sagte:

,,Am Morgen, wenn die Sonne aufgeht, sollte jeder Gott loben, der sie geschaffen hat, denn durch sie werden unsere Augen am Tag erhellt. Am Abend, wenn es Nacht wird, sollte jeder Gott loben wegen Bruder Feuer, denn durch ihn erhellt er unsere Augen in der Nacht. Auch wegen aller anderen Geschöpfe, deren wir uns täglich erfreuen, sollen wir ihn, den herrlichen Schöpfer, loben" (LegPer 43).

 

1

Aufforderung zum Lob Gottes

Noch um 1500 befand sich in einer Einsiedelei nahe der Stadt Terni eine Holztafel, auf die Franziskus einige Zeilen geschrieben hatte. Er lud mit diesem Aushängeschild (Antependium) ,,alle, die dies lesen", zum Gotteslob ein. Darum gilt der Text als schlichter Vorläufer zum Sonnengesang. Franziskus reiht einfach einige Psalm-Verse aneinander; die zum Loben auffordern. Oft fügt er aber das Wörtchen ,,alle" ein und fordert so die gesamte Menschheit und den Kosmos auf Gott den Herrn zu ehren, der für uns zum Lamm geworden ist. Er grüßt auch Maria und Michael, weil das Kirchlein, in dem sich das heute verlorene Antependium befand, Maria von den Engeln geweiht war.

 

Fürchtet den Herrn und gebt ihm die Ehre.

Würdig ist der Herr, zu empfangen Lobpreis und Ehre.

Alle, die ihr den Herrn fürchtet, lobpreiset ihn.

Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir.

Lobt ihn, Himmel und Erde.

Lobt den Herrn, all ihr Flüsse.

Lobpreiset den Herrn, ihr Kinder Gottes.

Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat,

lasst uns jubeln und uns freuen an ihm.

Alleluja, Alleluja, Alleluja! Du König Israels.

Alles, was atmet, lobe den Herrn.

Lobet den Herrn, denn er ist gut;

alle, die ihr dies lest, lobt den Herrn.

Alle Geschöpfe, lobpreiset den Herrn.

Alle Vögel des Himmels, lobt den Herrn.

Alle Kinder, lobt den Herrn.

Jünglinge und Jungfrauen, lobt den Herrn.

Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, zu empfangen Lob, Herrlichkeit und Ehre. 
Gepriesen sei die heilige Dreifaltigkeit
und ungeteilte Einheit.

Heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampfe.

 

2

Lobpreis der Einigung mit Gott

In seine Briefe lässt Franziskus immer wieder Gebete oder Einladungen zum Gebet einfließen. So erläutert er im langen Brief an die Gläubigen, was es bedeutet, mit dem dreifaltigen Gott verbunden zu sein. Er erklärt, unter welchen Bedingungen wir so in den göttlichen Liebesstrom hineingenommen sind, dass wir mit Christus verwandt, ihm anverlobt, ja seine Mütter; Brüder und Schwestern werden. Ausgehend von Mt J2,50 besingt Franziskus diese mystische Einigung mit Gott und bricht dann in staunenden Jubel aus:

 

O wie ehrenvoll ist es, einen heiligen und großen Vater im Himmel zu haben!

o wie heilig ist es, einen so trostreichen, schönen und wunderbaren Bräutigam zu haben!

o wie heilig und wie lieb ist es, einen so wohlgefälligen, demütigen, Frieden stiftenden, süßen, liebevollen und über alles ersehnenswerten Bruder und Sohn zu haben, der sein Leben für seine Schafe hingegeben und für uns zum Vater gebetet hat, indem er sprach: ,,Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, die du mir gegeben hast. Vater, alle, die du mir in der Welt gegeben hast, waren dein, und du hast sie mir gegeben. Und die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben. Und sie haben sie angenommen und in Wahrheit erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin; und sie haben geglaubt, dass du mich gesandt hast. Ich bitte für sie und nicht für die Welt. Segne und heilige sie. Und für sie weihe ich mich selbst, damit sie zur Einheit geweiht sind, wie auch wir es sind. Und ich will, Vater, dass dort, wo ich bin, auch jene mit mir seien, damit sie meine Herrlichkeit sehen in deinem Reich" (2 BrGl 54-60; vgl. Joh 17,11-24).

 

 

3

Gott sei gepriesen

Im Brief an die Gläubigen stellt Franziskus den Lesern den guten Hirten vor Augen, der für uns gelitten und zum Vater gebetet hat. Dann betet er in Anlehnung an Joh 17 mit Jesus für seine Jünger Auf dieses Gebet (oben Nr 2) folgt Franziskus' großer Aufruf zum Lobpreis. Der Mensch allein kann gar nicht genug danken. Die ganze Schöpfung soll miteinstimmen in das Lied auf den heiligen, herrlichen Gott

 

Jegliche Kreatur, die im Himmel, auf der Erde, im Meer und in den Tiefen ist,

soll Gott Lob, Herrlichkeit Ehre und Benedeiung erweisen, weil er unsere Kraft und Stärke ist,

er, der allein gut ist, allein der Höchste, allein allmächtig, bewundernswert,

herrlich und allein heilig, lobwürdig und gepriesen durch die unendlichen Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen.

 

4

Preisgebet zu allen Horen

Gemeinsames Gebet lebt von der äußeren und inneren Teilnahme jedes einzelnen. Seit frühesten Zeiten der Kirche ist das Stundengebet siebenmal am Tag der Versuch, Jesu Weisung zu erfüllen, ,,dass man allezeit beten müsse und nicht nachlassen dürfe" (Lk 18,1). Franziskus kam es sehr auf die Einstimmung ins kirchliche Stundengebet an. An dessen Anfang stand das Vaterunser mit dem typischen Zusatz ,,heiligster Vater unser. . ." dann folgte das ,,Ehre sei dein Vater . . .,, und schließlich ,,die Lobgebete, die unser seliger Vater Franziskus zusammengestellt hat, und die er zu allen Horen des Tages und der Nacht und vor den Tagzeiten der seligen Jungfrau Maria betete". Aus dieser Notiz schon im ältesten Kodex 338 von Assisi geht klar hervor; dass das Preisgebet mit der Liturgie verbunden war Dein entspricht auch sein Inhalt, denn es holt gleichsam die himmlische Liturgie, wie sie im Buch der Offenbarung (Kapitel 4-5) geschildert ist, auf die Erde. Durch das tägliche Stundengebet halten wir den Himmel offen. Es ist Ansporn, vor lauter Welt-Problemen und dem hektischen Einsatz, sie zu lösen, den verheißenen Himmel nicht zu vergessen. Das ,,franziskanische Invitatorium" gliedert sich deutlich in drei Strophen, wobei die letzte persönlich-inniger ist als die beiden ersten, die von der Heiligen Schrift und Liturgie geprägt sind. Die erste sieht die pilgernde mit der verherrlichten Kirche im Gotteslob vereint, die zweite ruft alle Wesen zum Preise Gottes auf und die dritte verkostet wie in einem berauschenden Finale die Fülle der erfahrenen Güte Gottes.

 

Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der allmächtige Gott,

der ist und der war und der kommen wird.

Und lasst uns ihn loben und über alles erheben in Ewigkeit.

Würdig bist du, Herr, unser Gott, zu empfangen Lob,

Herrlichkeit und Ehre und Preis.

Und lasst uns ihn loben und über alles erheben in Ewigkeit.

Würdig ist das Lamm, das geschlachtet worden ist, zu empfangen die Macht

 und Gottheit und Weisheit und Stärke und

Ehre und Herrlichkeit und Lobpreis.

Und lasst uns ihn loben und über alles erheben in Ewigkeit.

Lasst uns preisen den Vater und den Sohn mit dem heiligen Geist.

Und lasst uns ihn loben und über alles erheben in Ewigkeit.

 

Preiset den Herrn, alle Werke des Herrn.

Und lasst uns ihn loben und über alles erheben in Ewigkeit.

Lobpreiset unseren Gott, ihr seine Diener alle und die ihr

Gott fürchtet, Kleine und Große.

Und lasst uns ihn loben und über alles erheben in Ewigkeit.

Loben sollen ihn, den Glorreichen, Himmel und Erde.

Und lasst uns ihn loben und über alles erheben in Ewigkeit.

Und jegliche Kreatur, die im Himmel und auf der Erde und

unter der Erde ist, und das Meer, und was in ihm sich befindet.

Und lasst uns ihn loben und über alles erheben in Ewigkeit.

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist.

Wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit.

Amen.

 

Gebet: Allmächtiger, heiligster, erhabenster und höchster Gott, höchstes Gut, ganzes Gut, der du allein der Gute bist, dir wollen wir erweisen alles Lob, alle Herrlichkeit, allen Dank, alle Ehre, allen Preis und alles Gute. Es geschehe! Es geschehe! Amen.

 

5

Lobpreis und Danksagung

Lobpreis und Danksagung

Gegen Ende der mündlich bestätigten Regel haben wir ein Dank- und Mahnlied, wie man es kaum in einem Regeltext erwartet; es fehlt darum auch in der kürzeren, mit päpstlicher Bulle bestätigten Regel von 1223. In seinem ersten Teil dankt es für die ganze Heilsgeschichte von der Erschaffung der Erde bis zur Wiederkunft des Richters und Retters. Diese ,,franziskanische Präfation" sieht den Menschen in Elend und Schuld, aber erhoben durch das Erbarmen Gottes. Darum soll er Gott danken, ihn lieben und ihm dienen alle Tage seines Lebens. Begeisterung, Schwung und Verliebtheit in Gott kennzeichnen diese Perle franziskanischer Theologie. Sie lässt erahnen, wie überwältigend der Mystiker die Fülle des dreifaltigen Gottes erlebt hat, so daß er in seiner Antwort nicht genug Worte finden kann, mit immer neuen Wendungen Gott dankt und darum wirbt, dass wir alle Fähigkeiten des Leibes und der Seele aufbieten, um dem Schöpfer von allem" unsere schuldige Antwort zu geben.

 

I

Allmächtiger, heiligster, erhabenster, höchster Gott, heiliger und gerechter Vater, Herr, König des Himmels und der Erde,

wir sagen dir Dank um deiner selbst willen, weil du durch deinen heiligen Willen und durch deinen einzigen Sohn mit dem Heiligen Geiste alles Geistige und Körperliche geschaffen und uns, geformt nach deinem Bild und deiner Ähnlichkeit, ins Paradies gestellt hast. Und durch unsere eigene Schuld sind wir gefallen.

Und wir sagen dir Dank, weil du, gleichwie du uns durch deinen Sohn erschaffen hast, so durch deine heilige Liebe,

mit der du uns geliebt hast, ihn selbst als wahren Gott und wahren Menschen aus der glorreichen, allerseligsten, immerwährenden Jungfrau, der heiligen Maria, hast geboren werden lassen, und weil du durch sein Kreuz und sein Blut und seinen Tod uns, die gefangen waren, hast erlösen wollen.

Und wir sagen dir Dank, weil er, dein Sohn, kommen wird in der Herrlichkeit seiner Majestät, um die Verdammten, die nicht Buße getan und dich nicht erkannt haben, ins ewige Feuer zu stürzen, und um allen, die dich erkannt und angebetet und dir in Buße gedient haben, zu sagen: Kommt, ihr Gesegneten meines Vater, nehmt das Reich in Besitz, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.

Und da wir Elenden und Sünder allesamt nicht würdig sind, dich zu nennen, so bitten wir flehentlich, unser Herr Jesus Christus, dein geliebter Sohn, an dem du dein Wohlgefallen hast, möge mit dem Heiligen Geiste, dem Tröster, dir für alles Dank sagen, wie es dir und ihm gefällt; er ist es ja, der dir stets für alles zu Genüge ist und durch den du uns so viel gegeben hast. (NbReg 23,1-5)

 

II

Lasst uns alle aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus ganzer Gesinnung, aus aller Kraft und Stärke, mit ganzem Verstand, mit allen Kräften, mit ganzer Anstrengung, mit ganzer Zuneigung, mit unserem ganzen Inneren, mit allen Wünschen und aller Willenskraft Gott den Herrn lieben, der uns allen den ganzen Leib, die ganze Seele und das ganze Lehen geschenkt hat und schenkt, der uns erschaffen hat, erlöst hat und uns einzig durch sein Erbarmen retten wird, der uns Elendigen und Armseligen, Üblen und Abscheulichen, Undankbaren und Bösen alles Gute erwiesen hat und erweist. (NbReg 23,8)

 

III

Nichts anderes wollen wir darum ersehnen, nichts anderes wollen, nichts anderes soll uns gefallen und erfreuen als unser Schöpfer und Erlöser und Retter, der alleinige wahre Gott, der ist die Fülle des Guten, alles Gute, das gesamte Gute, das wahre und höchste Gut, der allein gut ist, gnädig, gütig, milde und freundlich, der allein heilig ist, gerecht, wahr, heilig und einfach, der allein gütig, uneigennützig, rein ist, von dem und durch den und in dem alle Vergebung, alle Gnade, alle Herrlichkeit für alle Buße-tuenden und Gerechten, für alle Glückseligen, die sich im Himmel mitfreuen, herkommt.

Nichts also soll hindern, nichts trennen, nichts fälschen.

Überall, an jedem Orte, zu jeder Stunde und zu jeder Zeit, täglich und unablässig wollen wir alle wahrhaft und demütig an ihn glauben und an ihm im Herzen festhalten und ihn lieben, ehren, anbeten, ihm dienen, ihn loben und benedeien, verherrlichen und hoch erheben, ihn preisen und ihm Dank erweisen, dem erhabensten und höchsten ewigen Gott, der Dreifaltigkeit und Einheit, dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, dem Schöpfer von allem und dem Retter aller, die an ihn glauben und auf ihn hoffen und ihn lieben, der ohne Anfang und ohne Ende ist, unveränderlich, unsichtbar, unbeschreiblich, unaussprechlich, unbegreiflich unerforschlich, gepriesen, lobwürdig, ruhmreich, hocherhoben, erhaben, groß, milde, liebenswert, Freude bereitend und ganz und gar über alles ersehnenswert in Ewigkeit. Amen. (NbReg 23,9-11).

 

6

Sonnengesang

Die älteste Abschrift in altitalienischer Sprache leitet dieses bekannteste Werk des hL Franz so ein: ,,Hier beginnt das Loblied der Geschöpfe, das der selige Franziskus zum Lob und zur Ehre Gottes verfasst hat, als er krank bei San Damiano lag". Das war im Winter 1224/25. Er war fast blind und geplagt von vielen Krankheiten, die er seine Schwestern nannte. Im Leid entstanden, besingt das Lied keine heile Weit, sondern nimmt die irdische Situation an, wie sie ist, preist aber den selig, der Frieden stiftet, Krankheit geduldig erträgt und den Tod als Bruder annimmt. Mit Gottes willen übereinzustimmen ist die große Aufgabe des Menschen; dann gewinnt er das ewige Leben, und ,,der zweite Tod", die Hölle, schadet ihm nicht Einer feierlichen Gottesanrede am Anfang des Liedes entspricht ein missionarischer Aufruf am Schluss. Die 8 Strophen dazwischen variieren das Gotteslob: mittels des Refrains ,,Gelobt seist du, mein Herr," werden je neue Geschöpfe in der Ordnung von oben nach unten vorgeführt; für und durch sie will Franziskus den Schöpfer preisen. Er ist der erste, der die Geschöpfe Bruder und Schwester nennt und so den Kosmos nach Geschwisterpaaren ordnet. Innenwelt- und Umweltverschmutzung, der stets gefährdete Friede im kleinen wie großen und das Verdrängen des Todes in unserer Gesellschaft machen den Sonnengesang besonders aktuell. Gott- und Weltzuwendung verbinden sich in ihm zu unauflösbarer Einheit.

 

Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind Lobpreis, Herrlichkeit, Ehre und jegliche Benedeiung. Dir allein, Höchster, gebühren sie, und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.

Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, zumal der Herrin, Schwester Sonne, denn sie ist der Tag

und spendet das Licht uns durch sich. Und sie ist schön und strahlend in großem Glanz. Dein Sinnbild trägt sie, du Höchster.

Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Mond und die Sterne, am Himmel hast du sie gebildet, hell leuchtend und kostbar und schön.

Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken und heiteren Himmel und jegliches Wetter, durch das du deinen Geschöpfen den Unterhalt gibst.

Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Wasser, gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.

Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Feuer, durch das du die Nacht erleuchtest; und es ist schön und liebenswürdig und kraftvoll und stark.

Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns ernährt und lenkt und mannigfaltige Frucht hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.

Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen und Krankheit ertragen und Drangsal. Selig jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.

Gelobt seist du, mein Herr, durch unseren Bruder, den leiblichen Tod; ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben.

Selig jene, die sich in deinem allheiligen Willen finden, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.

Lobet und preiset meinen Herrn und erweist ihm Dank und dient ihm mit großer Demut.

 

,,Der Arme bittet, und der Herr erhört ihn"

(Ps 34,7)

Eigentliche Bittgebete sind bei Franziskus selten. Nur das erste von ihm bekannte ist seiner Situation entsprechend eine Bitte um Erleuchtung und Klarheit. Die Bitte, ausschließlich Gottes heiligen Willen zu erfüllen, kehrt dann gegen Ende seines Lebens wieder,; aber hier in der Wir-Form. Was Franziskus zuerst allein gesucht hat, wird die Suche aller; die sich auf ihn berufen: erkennen, was Gott will, und dann tun wollen und erfüllen, was man als Gottes Willen erkannt hat.

 

7

Gebet vor dem Kreuzbild in San Damiano

In der langen Zeit der Neuorientierung spielten bei Franziskus zwei Bezugspunkte eine große Rolle: das Kreuz und die Aussätzigen. Indem er letzteren dient, sie umarmt, gewinnt auch der Gekreuzigte neue Bedeutung. So vernimmt er eines Tages in der Damiano-Kapelle vom Kreuz her den Auftrag: ,, Geh hin, stelle mein Haus wieder hei; das, wie du siehst, verfällt!" (Gef 13). Er bettelt Steine und repariert Kirchen, aber das Richtige ist es noch nicht Während dieser Suche bittet Francesco nicht um Hilfe in seinem Konflikt mit dem Vater oder um irdische Dinge, sondern um. die drei göttlichen Tugenden, um Gespür für den Auftrag, der an ihn ergeht, und um Kraft, ihn auch zu erfüllen.

 

Höchster, glorreicher Gott,

erleuchte die Finsternis meines Herzens und schenke mir rechten Glauben, gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe. Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle.

Amen.

 

8

Bitte, Gottes Willen zu erkennen und seinem Sohn zu folgen

Dieses sehr dichte Gebet steht am Ende des Briefes an den ganzen Orden. Franziskus möchte, dass wir trotz unserer Armseligkeit nicht nachlassen, das zu wollen und zu tun, was Gott will Er sagt das aber nicht mahnend, sondern betend. Mit ihm müssen wir uns immer wieder an die Quelle des Guten wenden, um den Weg zu erkennen, auf dem wir wirklich Christus nachgehen können. Dies ist nur möglich, wenn wir uns innerlich läutern und vom Heiligen Geist erleuchten und begeistern lassen. In diesem Gebet steckt nicht nur ein Bekenntnis zur Einheit und Dreifaltigkeit Gottes, sondern auch zur Einheit von Gnade und Werk. Der Mensch muss tun, was er kann, darf sich aber die Einigung mit Gott nur von dessen ,, Gnade allein" erwarten.

 

 

Allmächtiger, ewiger, gerechter und barmherziger Gott, verleihe uns Elenden, um deiner selbst willen das zu tun, von dem wir wissen, dass du es willst, und immer zu wollen, was dir gefällt, damit wir, innerlich geläutert, innerlich erleuchtet und vom Feuer des Heiligen Geistes entflammt, den Fußspuren deines geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, folgen können

und allein durch deine Gnade zu dir, Allerhöchster, zu gelangen vermögen, der du in vollkommener Dreifaltigkeit und einfacher Einheit lebst und herrschest und verherrlicht wirst als allmächtiger Gott durch alle Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen.

 

9

Bitte um Befreiung von allem, was die Liebe hindert

Gewöhnlich bitten wir um Dinge für uns selbst oder für andere. Hier aber bittet Franziskus, ganz von sich selber loszukommen, um ganz für Gott dazusein. Er möchte aus lauter Liebe zur Liebe, die Gott für uns hat, sich selber absterben.

Dieses rhythmisch formulierte, mit dem Wort ,,Liebe" spielende Gebet fand Franziskus wohl vor Es ist ein sog. Wandergebet", das so oder ähnlich schon bei den Vätern zu finden ist. Erst Ubertin von Casale bezeugt 1305, dass Franziskus es gebetet hat. Das auf Latein mit ,,Absorbeat" beginnende Gebet entfaltet im Grunde jenes kürzere, das Bruder Leo dem. Heiligen abgelauscht hat: ,, Deus meus et omnia - Mein Gott und alles" (Fioretti 2). Auch mit dem Gruß an die Tugenden (GrTug 5) und mit der Begründung für nur eine, aber gemeinsame Messe am Tag (BrOrd 30-3]) hat das tief-innige Gebet einiges gemeinsam. Es entspricht dem in Gott verliebten Heiligen aus Assisi ganz und gar

 

 

Losreißen möge meinen Sinn, ich bitte dich, 0 Herr,

die flammende und doch erquickende Gewalt deiner Liebe

von allem, was unter dem Himmel ist, damit ich sterbe

aus Liebe zu deiner Liebe, der du dich herabgelassen hast, aus Liebe zu meiner Liebe zu sterben.

 

10

Der Segen des heiligen Franziskus

Dieser Segen ist zusammen mit dem ,,Lobpreis Gottes" (Nr. 11) noch im Original erhalten. Franziskus wendet hier eine uralte Formel, den Aaronsegen aus dein AT (Num 6,24-26), ganz persönlich auf Bruder Leo an, den er damit in einer Phase der Niedergeschlagenheit aufrichtet Dieser trug das Schriftstück bis zu seinem Tode ]27J mit sich. Danach wurde und wird es bis heute in der Kirche San Francesco in Assisi aufbewahrt. Die sehr persönliche Zuwendung drückt sich vor allem in der letzten Zeile aus, in der Franziskus den Namen seines Gefährten einfügt und mitten durch den Namen Leo das ,, Tau" zeichnet. Wie Franziskus Bruder Leo mit dem Zeichen der Buße und des Heils gesegnet hat, so dürfen auch wir einander segnen und so zum Segen werden.

 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Er zeige dir sein Angesicht und erbarme sich deiner. Er wende dir sein Antlitz zu und schenke dir Frieden.

Der Herr segne dich, Bruder      Le To.

 

,,Im Geist und in der Wahrheit anbeten"

(Joh 4,24)

In dem sehr einfühlsamen, langen Gespräch mit der Samariterin am Jakobsbrunnen sagt Jesus: ,,Es kommt die Stunde, und sie ist schon da, iii der die wahren Anbeter den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit, denn solche Anbeter sucht der Vater Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn anbeten im Geist und iii der Wahrheit" (Job 4,23-24). Franziskus übernimmt dieses Wort sowohl im Brief an alle Gläubigen (2 BrGI 19-20) wie auch in seiner langen ,, Gebetskatechese" (NbReg 22). Hier schildert ei; wie ,,der Satan will, dass der Mensch seinen Sinn und sein Herz nicht bei Gott habe" (NbReg 22,19). Darum müssen wir das Herz mit guten Gedanken besetzen und unablässig das Wort Gottes in uns tragen. ,,Das Wort Gottes im Herzen und das Herz bei Gott haben", kann man diese großartige Schrift-Meditation überschreiben, die dann zu der Selbstaufforderung führt:

Darum wollen wir uns hüten, durch den Blick auf eine Belohnung unsere Seele und das Herz zu verlieren oder vom Herrn abzuwenden. Vielmehr wollen wir uns mühen, alle Hindernisse zu beseitigen und alle Sorgen hintanzustellen, um immer besser mit geläutertem Herzen und reinem Sinn Gott, dem Herrn, zu dienen, ihn zu lieben, zu ehren und anzubeten (NbReg 22,25-26).

Hier ist der Weg geistlichen Lebens aufgezeigt, der in der Anbetung gipfelt.

Auch an anderen Stellen seiner Schriften spricht Franziskus von dieser Anbetung,

deren nur der Mensch fähig und deren nur Gott würdig ist. So beginnt die

Lob- und Mahnrede, die alle Brüder wann immer sie es für gut finden,

den Leuten halten können, ganz bezeichnend mit dieser Mahnung:

Fürchtet und ehret, lobet und preiset, saget Dank und betet an den Herrn, den allmächtigen Gott in der Dreifaltigkeit und Einheit, den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, den Schöpfer von allem (NbReg 21,2).

11

Der Lobpreis Gottes

Auf der Vorderseite des Schriftstückes für Bruder Leo, das im Original erhalten ist, steht der Lobpreis Gottes. Franziskus hat ihn nach Empfang der Wundmale im September J224 aufgeschrieben und Bruder Leo geschenkt. Dieser vermerkt auf dem Pergament. ,,Der selige Franziskus hielt zwei Jahre vor seinem Tod auf Alverna zu Ehren der Jungfrau Maria und des Erzengels Michael ein vierzigtägiges Fasten. Und es legte sich die Hand des Herrn auf ihn; nach Vision und Anrede eines Seraphim und nach der Einprägung der Wundmale Christi in seinem Leib verfasste er diese Lobpreisungen und schrieb sie mit eigener Hand, indem er Gott für die ihm verliehene Gnade dankte."

Hier verströmt sich Franziskus in purer Hingabe an Gott. Da ist weder Bitte noch Klage, nur Anbetung und Lobpreis. Unaufhaltsam sprudeln die Huldigungen hervor Hinter dieser Litanei der Namen Gottes steckt das Bemühen, sich Gott immer neu hinzuschenken, immer Tieferes über ihn zu sagen. Himmel und Erde kommen in den Blick, alles Gute, hinter dem der steht, den der Stigmatisierte vertrauensvoll anredet: Du, du, du...; in allen Variationen immer nur Du.

 

Du bist der heilige Herr, der alleinige Gott,

der du Wunderwerke vollbringst.

Du bist der Starke.

Du bist der Große.

Du bist der Höchste.

Du bist der allmächtige König,

du heiliger Vater, König des Himmels und der Erde. Du bist der dreifaltige und eine Herr, 
der Gott aller Götter. Du bist das Gute, jegliches Gut, das höchste Gut, der Herr, 
der lebendige und wahre Gott.

Du bist die Liebe, die Minne.

Du bist die Weisheit.

Du bist die Demut.

Du bist die Geduld.

Du bist die Schönheit.

Du bist die Milde.

Du bist die Sicherheit.

Du bist die Ruhe.

Du bist die Freude und Fröhlichkeit.

Du bist unsere Hoffnung.

Du bist die Gerechtigkeit.

Du bist das Maßhalten.

Du bist all unser Reichtum zur Genüge.

Du bist die Schönheit.

Du bist die Milde.

Du bist der Beschützer.

Du bist unser Wächter und Verteidiger.

Du bist die Stärke.

Du bist die Erquickung.

Du bist unsere Hoffnung.

Du bist unser Glaube.

Du bist unsere Liebe.

Du bist unsere ganze Wonne.

Du bist unser ewiges Leben: Großer und wunderbarer Herr,

allmächtiger Gott, barmherziger Retter.

 

12

Weltweite Anbetung

In franziskanischen Kreisen ist das Gebet, das Franziskus in seinem Testament überliefert, noch heute sehr beliebt Es war zuerst sein persönliches Gebet, das er ,, in Einfalt sprach" (Test 4-5) und dann seine Gefährten lehrte (1 Cel 45). Seitdem gehört es zum besten Traditionsgut im Orden. Der Text beruht auf einer älteren Formel, die Franziskus erweiterte, indem er die Anbetung auf alle Kirchen der ganzen Welt ausdehnte. Es ist gleichsam ein Echo seines missionarischen Geistes: Wie er selbst zu den Muslimen geht und Brüder in alle Welt aussendet, so betet er Christus an, der durch sein Kreuz die ganze Welt erlöst hat In der Feier und Anbetung der Eucharistie bekennen wir seine bleibende Gegenwart unter uns bis zum Ende der Tage (vgl. Erm J,22).

 

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus,

 hier und in allen deinen Kirchen auf der ganzen Welt, und wir preisen dich,

denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Aus dem Buch: "Wie betete der hl. Franziskus"